Ich fürchte nichts böses

Eine Vision für eine neue Allianz zwischen den Vereinigten Staaten und Deutschland

Emanuel Pastreich

Deutschland ist ein wichtiger Partner für die Vereinigten Staaten und ein unverzichtbarer Verbündeter auf jeder Ebene. Der Begriff Partner und Verbündeter, der von Politikern und Investmentbankern, von Konzernchefs und anderen parasitären Kreaturen verwendet wird, bedeutet jedoch lediglich einen engen Partner für die globale Währungsmanipulation, einen Kumpel für Waffenverkäufe und massive Verteidigungsausgaben, einen Mitverschwörer bei der Täuschung des einfachen Mannes im Interesse einer Minderheit von Superreichen.

Mit der Übersetzung meines Buches ins Deutsche möchte ich Ihnen die Möglichkeit einer anderen, ernsthafteren, realistischeren und konstruktiveren Allianz zwischen unseren Ländern vorschlagen.

Ich habe persönliche sowie strategische Gründe, Deutschland in den Fokus meiner Überlegungen zur Zukunft der Vereinigten Staaten zu stellen, insbesondere im Hinblick auf unser Engagement in Ostasien (welches mein Fachgebiet ist) und meine Sorgen um die Zukunft der Menschheit.

Die persönlichen Gründe für mich beginnen in meiner Familie. Alle meine Vorfahren (mütterlicherseits und väterlicherseits) waren – wenn man 100 Jahre zurückgeht – deutschsprachig und meine beiden Eltern sprechen fließend Deutsch.

Meine Mutter wuchs in Luxemburg auf und ihre Mutter Katherine, meine Großmutter, stammte aus einer deutsch-katholischen Familie. Ich habe auch heute noch Familie in Deutschland, obwohl ich diese nicht besonders gut kenne.

Ich habe nach dem Abitur Deutsch studiert und hatte damals vor, einen Vergleich zwischen der westlichen und östlichen Literatur anzustellen. Die mystische Lyrik von Rainer Maria Rilke und die visionäre Poesie von Johann Wolfgang von Goethe haben mich in meiner Jugend tief inspiriert. Ihre Stimmen, ihre Einsichten in die tiefen Geheimnisse der menschlichen Erfahrung und der Naturphänomene, haben meine akademische Arbeit geprägt. Wenn Sie genau aufpassen, können Sie ihre Meinungen in den hier übersetzten Reden wiedererkennen.

Das Verhältnis zu Deutschland auf der Arbeitsebene ist wichtig für das Asia Institute, die Denkfabrik, die wir vor 12 Jahren in Korea gegründet haben. Der deutsche Wissenschaftler Alexander Krabbe dient heute als Forschungsleiter und wir haben zahlreiche Veranstaltungen mit Deutschland und europäischen Partnern organisiert.

Wenn ich die strategischen Interessen der Vereinigten Staaten in dieser Zeit betrachte, in der unser Konzept von Sicherheit auf den Kopf gestellt wurde, in der der Klimawandel und der Zusammenbruch der Artenvielfalt zur primären Bedrohung geworden sind, in der die Milliarden, die in veraltete Kampfflugzeuge und Flugzeugträger investiert werden, an anderer Stelle dringend benötigt werden, in der KI zu einem Werkzeug für die Superreichen geworden ist, um den Rest der Menschheit zu zerstören, dann brauchen wir die beste deutsche Tradition, das beste deutsche Know-how, aber vor allem engagierte Deutsche, auf jeder Ebene, um uns zu helfen, echte Lösungen zu finden.

Es gibt einen entscheidenden Unterschied, wie ich die Beziehung zu Deutschland sehe und wie andere Politiker sie sehen. Andere Politiker sind nämlich nicht mehr in der Politik tätig. Sie beschäftigen sich mit Hinterzimmerabsprachen, Identitätspolitik und kommerzieller Werbung.

Wir müssen mit Deutschen zusammenarbeiten, von Künstlern und Philosophen bis hin zu Ingenieuren und Wissenschaftlern, um zu überlegen, wie sich unsere Welt verändert hat, wie die Zukunft der globalen Governance und der menschlichen Gesellschaft aussehen muss und wohin wir uns in Zukunft bewegen müssen. Wir müssen mit den Deutschen diskutieren, ob die Konzepte von Produktion und Konsum für unsere heutige Zivilisation angemessen sind und was mit den Begriffen “Sicherheit” und “Wachstum” gemeint ist.

Wir müssen mit den Deutschen zusammenarbeiten, um unsere Prioritäten in dieser Krise zu setzen. In diesem Zeitalter des massiven Betrugs, in einem Zeitalter, in dem der Schein regiert und die Realität vor den Menschen verborgen wird, in einem Zeitalter, in dem die Zyniker eine radikale Spaltung des einfachen Volkes herbeigeführt und eine noch nie dagewesene Einheit einer verschwindend kleinen Anzahl von Reichen geschaffen haben.

Die Einheit zwischen den Vereinigten Staaten und Deutschland, die ich vorschlage, hat nichts damit zu tun, die Deutschen in irgendeine unvernünftige, gefährliche militärische Aufrüstung gegen China oder gegen Russland – oder gegen beide – hineinzuziehen. Die Einheit zwischen unseren Ländern ist keine Frage der ständigen Überproduktion, um die Märkte zu sättigen, der Zerstörung unserer Böden und unseres Wassers auf der Suche nach Profiten durch Agrarexporte oder der Deregulierung der Finanzmärkte, die es Konzernen und Banken (denen Amerikaner oder Deutsche egal sind) erlaubt, Entscheidungen ohne unseren Input zu treffen.

Wenn nachdenkliche Amerikaner und Deutsche, die nicht die verhätschelten Pudel der Reichen und Mächtigen sind, sich zusammensetzen, um über echte Probleme für echte Menschen zu sprechen, habe ich keinen Zweifel daran, dass sie feststellen werden, dass sie so viel gemeinsam haben und dass echte Veränderungen und nicht aufgebauschte Schlagzeilen in den Konzernmedien unsere höchste Priorität sein werden.

Ich glaube, dass die größte Gefahr, der wir heute gegenüberstehen, die Oberflächlichkeit unseres Verständnisses der Realität und der menschlichen Natur ist. Supercomputer, Waffensysteme und Freihandelsabkommen haben dort, wo einst Politik und Diplomatie waren, eine Ödnis geschaffen, die eine neue Generation von Experten hervorgebracht hat. Diese können sich die metaphysischen Herausforderungen nicht vorstellen und die radikale Transformation unserer Gesellschaft, die heute stattfindet, nicht begreifen.

Ein Teil der Hinwendung zu Deutschland betrifft tatsächliche Deutsche, gewöhnliche Deutsche, in der ganzen Vielfalt Deutschlands, und erstreckt sich auf die deutschsprachige Bevölkerung in ganz Europa.

Ein ebenso wichtiger Teil der Antwort auf die heutige Krise besteht in einer Rückbesinnung auf das Beste der deutschen Vergangenheit, eine Bewertung des Denkens der Aufklärung oder des 19. Jahrhunderts und wie es auf die Antwort auf die heutige Krise angewendet werden kann.

Ich stelle mir diese Fragen:

Wie hätte Hannah Arendt über das Wachstum des technologischen Totalitarismus gedacht? Was hätte Walter Benjamin über die Ästhetik unserer banalen “technischen Reproduzierbarkeit” im Internet gedacht?

Was würde Theodor Adorno als Lösung für die endlosen Kriege vorschlagen, in welche die Vereinigten Staaten hineingeraten sind?

Was würde Albert Einstein dazu sagen, wie sich die Menschheit über die zutiefst anti-intellektuellen Strömungen erheben kann, die uns umtreiben, und wie wir unsere Menschlichkeit und eine wahrhaft wissenschaftliche Herangehensweise an die Herausforderungen unserer Zeit zurückgewinnen können? Und, wie würde Georg Wilhelm Friedrich Hegel den heutigen Zeitgeist der radikalen Fragmentierung und radikalen Konzentration beschreiben?

Dies sind keine zweitrangigen Themen für schwammig denkende, Pfeife rauchende Akademiker – während echte Politiker und Geschäftsleute Investitionsverträge aushandeln.   

Ganz und gar nicht! Ganz im Gegenteil!

Diese Themen sind die zentralen für unsere Zeit. Wir müssen unsere Prioritäten als Gesellschaft festlegen und unsere Prioritäten für das menschliche Überleben auf einer fundamentalen Ebene setzen.

Ich respektiere sehr wohl die Traditionen in den Wissenschaften und in der Technik in Deutschland und ich nehme die wirtschaftliche Stärke Deutschlands ernst.

Aber der wichtigste Teil der deutschen Tradition für uns heute, in Deutschland und in den Vereinigten Staaten, ist die Fähigkeit, groß zu denken, der Mut und der Verstand, die notwendig sind, um zum Kern der Realität vorzudringen, wie es Immanuel Kant und Friedrich Schiller taten.

Es ist die geistige und ästhetische, moralische und heuristische Allianz zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten, die all unseren Bemühungen von heute an zugrunde liegen muss.